[19.10.2009]
Hätten DDR-Schüler den PISA- Test bestanden? (Ein Beitrag vom 09.03.2002)
PISA über Deutschland: Lesekompetenz Rang 21. Mathematische Kompetenz Rang 20. Schlechtere Ergebnisse erzielten weltweit nur zehn andere Länder.
Was ist da passiert? Kam das überraschend oder war das eine schon lange erwartete Quittung für eine verfehlte Bildungspolitik? Der Schriftsteller Walter Kempowski stellt jedenfalls fest:
"Die Verblödung unseres Volkes macht sichtlich Fortschritte."
Das Thema ist nun in aller Munde und in allen Medien. Jeder hat es nun schon immer gewusst. Es wird geschwätzt was das Zeug hält. Bei der Christiansen kam nun auch der Medienkasper und frühere Grundschullehrer Guildo Horn zu Wort: „Lernen muss Spaß machen“, plädierte er für abgedroschene Floskeln. Dann stellte sich heraus, dass seine Kinder Privatschulen besuchen und dass dort das Lernen nicht nur Spaß machen kann. Edmund Stoiber bringt die Diskussion auf einen wichtigen Punkt: „Die ideologische Bildungspolitik ist gescheitert."
Eine Bestätigung kommt von Brigitte Speth, Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildungsfragen, in einem internen Schreiben an alle Bildungsminister der SPD- regierten Länder im Vergleich mit den CDU/CSU- regierten: „Leistungseinbrüche sind der Preis für die erwünschte Ausweitung und Beteiligung des Schulbesuches für bildungsferne Schichten. . . Es ist eine Verurteilung der Reformpolitik der letzten 30 Jahre ... Länder mit selektivem Schulsystem, die diesen Reformen widerstanden haben, zeigen bessere Leistungen in allen Schulformen."
Wichtige aber unbequeme Zusammenhänge kommen in der aktuellen Diskussion kaum vor. Dies betrifft besonders die Wurzeln der Fehlentwicklungen der alten Bundesrepublik und ein entsprechender Vergleich mit dem DDR-Bildungssystem. Die Strategen der Altländer meiden aus guten Gründen oft ihre eigene Vergangenheit und ehemalige DDR-Lehrer wollen sich verständlicherweise nicht nachreden lassen, dass sie DDR-Nostalgie betreiben.
Das Ganze beginnt mit einem in vielen Bereichen fragwürdig gewordenem Grundgesetz.
Grundrechte sind ins Gerede gekommen und nicht nur Ex-Bundespräsident Roman Herzog fordert eine öffentliche Diskussion darüber.
Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Ehe und Familie, Schulwesen, Versammlungsfreiheit, Asylrecht und alles, was sich jeweils davor und dahinter verbirgt, gehört auf den Prüfstand.
Zentral und ursächlich für viele Fehlentwicklungen ist auch die Tatsache, dass der parlamentarische Bundesstaat im Grundgesetz verankert werden musste. Hier beginnt das uneffiziente „sowohl als auch." Sowohl zentral, als auch föderativ sollte es sein. Die Dominanz von Zentralstrukturen sollte wegen der Erfahrungen mit dem Dritten Reich auch in Bildungsfragen für alle Zeiten in Deutschland zerschlagen werden. Seit dem streiten Wissenschaftler um einen einerseits „verkappten Einheitsstaat", der die Lebensverhältnisse einheitlich ordnen soll, während andererseits das Gesamtsystem permanent durch einen Föderalismus behindert wird, in welchem Länderhoheit in wichtigen Bereichen ohne wirklichen Wettbewerb praktiziert wird.
Fehlentwicklungen in der Bildungs-, Innen- und Wirtschaftspolitik mit ausgeprägtem Süd-Nord-Gefälle sind die bekannten Folgen.
Den Ländern wird unabhängig von Größe und Finanzstärke ein gleiches Mitwirkungspotential im Bundesrat zugesichert, andererseits wird das verfassungsrechtlich vorgegebene Ziel der einheitlichen Lebensverhältnisse durch das ebenfalls verfassungsrechtlich garantierte System des Länderfinanzausgleiches bestimmt.
Die Starken müssen zahlen und sehen sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen. Die Schwachen sind schwach geblieben, weil wegen der sicheren Regeln Bequemlichkeit eingezogen ist und die notwendigen Innovationen fehlen. Überfällige Veränderungen setzen eine „institutionelle Totalreform" voraus, in der „kein Stein auf dem anderen bleiben wird." So die Wissenschaftler.
Bayern ist die einzige Ausnahme und hat als früheres Nehmerland den Länderfinanzausgleich sinngemäß genutzt und sich zum Musterschüler in allen Bereichen unter den Geberländern entwickelt. Auch im Bereich Bildung.
Zu den Wurzeln der Fehlentwicklungen:
Als Rudi Dutschke 1968 im Westen seine Mitstreiter aufforderte, den „langen Marsch durch die Institutionen" anzutreten, weil sich der erwartete Widerhall im Kampf gegen Kapitalismus, NATO und die USA bei den Volksmassen nicht einstellen wollte, war das Hauptziel klar: Die Entmachtung aller Autoritäten und damit die Aufweichung des gesamten Staatsgefüges.
Als Folge dieses sich über Jahrzehnte hinziehenden Marsches sitzen sie und ihre Ableger nun überall in hohen Positionen an Universitäten, in der Justiz, in der Politik und vor allem in den Medien. Sie haben eine Desinformationswelle über Ziele und Werte der Gesellschaft in Gang gesetzt, die nicht ohne Folgen blieb.
Was mit antiautoritärer Erziehung begann, wurde über pseudowissenschaftliche Erziehungsexperimente unter dem Schlagwort „Selbstverwirklichung" pervertiert. Schüler sollten bestimmen, was, wie und ob sie überhaupt lernen. Jeder sollte seine Verhaltensgrenzen selbst bestimmen. Nicht der Lehrer sollte Schüler beurteilen, sondern umgekehrt. Kopfnoten wurden abgeschafft. Projektunterricht wurde propagiert, ohne dass vorher ausreichend Grundwissen vermittelt wurde. Prüfungen wurden abgeschafft oder zum Lotteriespiel degradiert.
„Mach', was dir Spaß macht, und lass, worauf du keinen Bock hast". Das war und ist die Botschaft. Dazu diverse Desorientierungen: Lehrer, Polizei, Recht, Ordnung, Leistung wurden Negativbegriffe. So wurde über Jahre aus Qualität Quantität, aus Straftaten Ordnungswidrigkeiten, Sprayen wurde Volkskunst, Ladendiebstahl Volkssport, Drogenkonsum bagatellisiert. Täter wurden zu Opfern, Probleme mit Ausländern wurden zum Tabuthema. Es nimmt kein Ende: Soldaten dürfen laut Verfassungsgericht als Mörder bezeichnet werden. Kruzifixe in Klassenzimmern wurden verboten und Tierquälerei in Form von Schächten aus religiösen Gründen gerade erlaubt.
Kommt der so total desorientierte Jugendliche dann schnell selbst mit dem Gesetz in Konflikt, gerät er in ein Sozialisierungssystem, das sich selbst zu einem Sicherheitsrisiko entwickelt hat.
Wer glaubte der Schwachsinn hat mit einer überflüssigen Rechtschreibereform, mit unermesslichen Kosten in einer Zeit der permanenten Finanznot sein Ende, sieht sich getäuscht. Führerschein mit 17 und unbegrenzte Ausgehzeiten, ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten schon für 14- bis 16-Jährige, sollen die neuesten Errungenschaften werden. Die Drogendealer werden sich freuen.
Wenn Gesetze nicht mehr eingehalten werden, weil kaum kontrolliert wird, werden sie als unzeitgemäß erklärt und abgeschafft. So werden die Maßstäbe permanent verschoben.
Die berühmte Freiheit und Vielfalt hat also viel Verwirrung gebracht. Bei Eltern, Schülern, Lehrern und bei einer Kultusministerkonferenz, die am ersticken ist. Kurzum: Das Bildungssystem in dieser Form ist gescheitert.
Für alle, die das bewusst erlebt haben und erleben, stellt sich automatisch die Frage des Vergleiches mit dem ehemaligen DDR- BiIdungssystem.
Entrümpelt man das von aller SED-Ideologie und aller Indoktrination, dann bleiben einige wesentliche Merkmale, die heute so vermisst werden:
- Kindergarten- und Hortbetreuung mit Bildungs- und Erziehungsanspruch - freiwillig.
- Einheitliche Lehrpläne und Prüfungsordnungen.
- Einheitliche Schulbücher, mit klaren methodisch-didaktisch aufbereiteten Inhalten.
- Klare Leistungsbewertung nach einheitlichen und vergleichbaren Bewertungskriterien.
- Durchsetzung von Ordnung und Disziplin. Wahrung und Durchsetzung der Autorität des Lehrers.
Man könnte das in allen analogen Bereichen weiterführen und vertiefen:
- Lehrerausbildung, Weiterbildung, Einheit von Theorie und Praxis.
- Aufnahmeprüfungen, Leistungstipendien, konsequente Prüfungen innerhalb eines Studiums, klar begrenzte Studienzeiten, Aufbau und Förderung eigener Wissenseliten, Wettbewerb.
Zu all diesen Themen gab und gibt es wertvolle Erfahrungen von Lehrern, Dozenten und Professoren, die zu wenig eingebunden wurden und werden. Noch sind sie aktiv. Fast alle, die ich kenne, warten allerdings sehnsüchtig auf den Ruhestand.
Sie wollen raus aus dem Tollhaus Schule.
Respekt vor jedem Lehrer, der am Ende seiner beruflichen Laufbahn solche Verhältnisse ertragen muss. Lesekompetenz und mathematische Kompetenz waren mit Sicherheit unter DDR Schülern besser ausgeprägt, als das heute der Fall ist. Diese Behauptung wage ich. Die Bildung war insgesamt so gut, dass die, die sie missbrauchen wollten, zum Teufel gejagt wurden. Damit war der größtmögliche Bildungstest für DDR-Bürger bestanden.
PISA hätten sie allemal geschafft!
Hartwig Arps
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