[16.08.2008]
Zur Entwicklung der Stadt Weißenfels nach 1945

Der II. Weltkrieg brachte auch für Weißenfels neben vielen Toten entsetzliches Leid, Hunger und Ratlosigkeit. Die Stadt selbst blieb Gott sei Dank von äußeren Kriegszerstörungen weitestgehend verschont. Zwar gab es durch die siegreich einmarschierenden amerikanischen Truppen im Stadtgebiet Häuserkämpfe, die auch zu geringen Gebäudeverlusten führten, ohne dass die Altstadt mit ihrem wertvollen Bestand an historischen Bauwerken davon betroffen war. Die größten Schäden entstanden im Frühjahr 1945 durch die Sprengung der drei Saalebrücken und die Einäscherung des barocken Reithauses auf dem Klemmberg, das als Magazin genutzt wurde, durch fliehende faschistische Truppen. Einzig die Häuser Markt 4, Große Burgstraße 9 und Große Deichstraße 2, wo Louise von Francois von 1874 bis 1893 eine Mansarde zur Saale hin bewohnte, fielen dem Artilleriebeschuss amerikanischer Soldaten zum Opfer. Der Organismus Stadt selbst in seiner gewachsenen Struktur und lebendigen Kleinteiligkeit blieb intakt und bot somit eine wesentliche Grundlage für neuen Lebensmut, für das Wachsen von Handel und Wandel in den Jahren nach dem Krieg.

Nach kurzer Administration der amerikanischen Militärverwaltung zogen am 1. Juli 1945 Truppen der Roten Armee in Weißenfels ein und übernahmen mit einem russischen Kommandanten an der Spitze die politische Oberhoheit. Unter ihrem Diktat wurden ab 1946 Funktionäre der SED und der Blockparteien in alle verantwortlichen Positionen gebracht, um das Leben der Stadt wieder in ihrem Sinne zu regulieren. Weißenfels hatte zu diesem Zeitpunkt mit seinen vielen Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen über 52.000 Einwohner und gehörte politisch zur sowjetischen Besatzungszone. Zu den ersten Entscheidungen zählten die Bodenreform, das Land des privaten Singergutes wurde an 22 Kleinbauern aufgeteilt, die Enteignung der Fabrikbesitzer und die Demontage mittelständischer Unternehmen auf Veranlassung der sowjetischen Militärverwaltung. Davon waren u.a. die Papierfabrik Dietrich, die Schuhfabriken Pretzsch und Trampler, die Eisengießerei, die Wolfsche Ziegelei, die Nolleschen Werke und Teile der Stadtwerke betroffen. Ferner wurden Verwaltung, Justiz und Polizei neu geordnet und Betriebe entweder der sowjetischen Verwaltung unterstellt oder in Volkseigentum überführt. Für die Trommelfabrik, die Gummifabrik und die Brauerei Oettler geschah letzteres 1948. Ein Jahr später wurden dann sämtliche Verwaltungsfunktionen vom sowjetischen Kreiskommandanten an die Stadt übergeben.

Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 und dem Beschluss zum Aufbau des Sozialismus wurden in Weißenfels alle Lebensbereiche der Menschen immer stärker politisiert und überwacht. Unter der Führung der SED entwickelte sich die Stadt zunehmend zu einer Arbeiterwohnstadt, da neben den Beschäftigten in der hiesigen Industrie, allein der VEB „Banner des Friedens zählte 1951 rund 2.300 Betriebsangehörige, viele Arbeiter aus den Großbetrieben der Chemie und Braunkohle der Region hier ihren Wohnsitz nahmen. Es kam in den Anfangsjahren zu erfreulichen Investitionen im kulturellen, sozialen und Bildungssektor, wie etwa die Eröffnung der Fachschule für Lederverarbeitung 1953, die Sanierung der barocken Schlosskapelle 1955, die Einweihung der Schützgedenkstätte im Jahre 1956 und die Eröffnung des Lehrerbildungsinstituts 1955. Neue Schulen, Kindereinrichtungen und Sportstätten wurden gebaut und die Stadt bekam sogar ein festes Orchester. Weißenfels war wieder eine lebendige Stadt geworden mit einer Fülle an kleinen Läden, Gewerbetreibenden und Handwerksunternehmen, so dass tatsächlich wieder Handel und Wandel in Gang kamen und die Menschen sich irgendwie einzurichten begannen.

Allerdings wurden bereits in den ersten Jahren nach dem Krieg die bürgerlichen Eliten, das Besitz- und Geistesbürgertum, seit Jahrhunderten Träger von Kultur und Fortschritt, durch das neue Regime direkt oder indirekt dazu veranlasst, ihre Heimat gen Westen zu verlassen. Eine neue Kultur der Arbeiterklasse wurde propagiert, die von ideologischen Doktrin durchdrungen war und überkommene kulturelle Werte in Frage stellte oder gänzlich ablehnte, was sich in den Folgejahren äußerst negativ auf die städtische Entwicklung und das Erscheinungsbild der Stadt auswirken sollte.

Das 1900 auf dem Markt eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Reiterstandbild und das Kolonialdenkmal gegenüber dem Kloster wurden 1949 abgebrochen, der Königin-Luisen-Stein auf den Badanlagen unkenntlich gemacht und noch 1959 die vier Adler und das Bismarckrelief vom Bismarck-Denkmal auf dem Klemmberg entfernt und das Denkmal in Keplerturm umbenannt. Historische Identität ging der Stadt verloren, weil viele der jahrhundertealten Namen von Straßen, Gassen und Plätzen aus dem Stadtbild verschwanden und durch Namen von Arbeiterführern und „Aktivisten der ersten Stunde“ des neuen Regimes ersetzt wurden. Schwer war für die neuen Machthaber der Umgang mit dem kulturellen Erbe der Weißenfelser Herzöge. Die Kultur des Adels und der Fürsten war der politischen Klasse der DDR generell suspekt. So fand auch das Herzogszimmer mit seinen historischen Exponaten aus der Residenzzeit, dass einst in den musealen Räumen des St. Klarenklosters gezeigt wurde, keine Wiederaufnahme im späteren Schlossmuseum. Adelspersonen, wie die aus Weißenfels stammenden Heinrich von Bünau (1697-1762), der kluge sächsische Gelehrte, Staatsmann und Geschichtsschreiber, Heinrich von Brühl (1700-1763), kursächsischer Premierminister in Dresden, oder Heinrich von Gossler(1841-1927), preußischer General und Kriegsminister, blieben in der Heimatgeschichte ausgeblendet. Brühl wurde und wird höchstens, und das noch bis in die Gegenwart hinein, von jenen, die noch immer an einer ideologisch besetzten Geschichtsklitterung festhalten, als „eine der korruptesten Figuren des sächsischen Adels und verschwenderischer Emporkömmling“ herabgewürdigt. Selbst Novalis, dessen Vermächtnis sich engagierte Kultur- und Heimatfreunde annahmen, wurde von überforderten Funktionären als blaublütiger Spinner und die ganze Romantik als bürgerlichidealistische und dekadente Geisteshaltung abgetan.

Besonders bestürzend war jedoch der Umgang mit dem größten Potenzial der Stadt, der Architektur vergangener Epochen. Falsche Orientierungen im Wohnungsbau und permanent wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten führten dazu, dass die langsam zu neuem Leben erwachende Innenstadt schon bald wieder verkam. Da es kaum Baumaterial für die Erhaltung oder Modernisierung sanierungsbedürftiger Bürgerhäuser gab und die geringen Mieten nicht genügten, um ihre Modernisierung und Bewohnbarkeit zu sichern, wurden immer mehr Bewohner in neu entstandene Plattensiedlungen am Rande der Stadt umgesiedelt. Bereits ab 1958 waren derartige „sozialistische“ Wohngebiete auf der grünen Wiese gebaut worden, die den Wohnungsbedarf der Menschen befriedigen sollten. Die Innenstadt wurde so systematisch entvölkert und die historischen Häuser dem Verfall überlassen. Zusehends wurde das Stadtzentrum unattraktiver und verlor immer mehr an Aufenthaltsqualität. Allmählich waren große Teile der Bürgerhäuser so bestandsgefährdet, dass die SED-Kreisleitung ihren systematischen Abriss veranlasste. Mit dem Abbruch 1977 des Gasthofes „Schwarzer Adler“, Leipziger Straße 7 und den beiden Nachbarhäusern 5 und 3 wurde das Schleifen ganzer Straßenzüge eingeleitet. Die Flächenabrisse setzten sich 1979 in der Fischgasse fort, wo Platz gemacht wurde für den Bau einer unförmigen Einkaufshalle, und zogen sich hin bis 1986. Das eng bebaute Siedlungsquartier auf dem Georgenberg mit seinen romantischen Gassen wurde ebenso dem Erdboden gleichgemacht wie die Fischersiedlung in der Leipziger Straße und die kleinteiligen Quartiere An den Stufen und am Klingenplatz. Selbst Teile des Kerngebietes in der Altstadt, wie Nikolai- und Marienstraße, vielen der Abrissorgie zum Opfer.

Auf diese Art und Weise wurden nicht nur das vertraute Antlitz ganzer Wohnquartiere in der Altstadt zerstört, sondern auch wertvolle Einzeldenkmale vernichtet, darunter manch geschichtlich und kulturell bedeutsamer Gedächtnisort. Bedenkenlos opferte man das Rote Lusthaus im Schlossgarten, in dem der Weißenfelser Maler und Bildhauer Prof. Erich Haase lange Zeit sein Atelier hatte, das aus der Renaissancezeit stammende Hotel Zum Schützen, das barocke „Wasserschlösschen“ an der großen Brücke, das Geburtshaus von Johanna Rosine Pätz (1774-1848), der Mutter Richard Wagners, in der Marienstraße 13 und die Orgelbauwerkstatt Friedrich Ladegasts (1818-1905) in der Naumburger Straße. Mit schwerem Abrissgerät und selbst Panzereinsatz wurden so große Teile der Altstadt unwiederbringlich dem Erdboden gleichgemacht. Um von der durch wirtschaftliche Hilflosigkeit und politischem Unvermögen untersetzten Kulturbarbarei abzulenken, behaupteten verantwortliche Funktionäre, die Häuser seien schließlich „alten Buden“ und „Rattenlöchern“, in denen keiner mehr wohnen wolle. Große Agitationstafeln, die an Abbruchgebieten wie etwa in der Leipziger Straße aufgestellt waren, sollten die Abrisse schmackhaft machen und von den Ursachen des Versagens der sozialistischen Planwirtschaft ablenken. Auf den Schrifttafeln war zu lesen: „Diese Bausubstanz ist ca. 200 Jahre alt. Sie charakterisiert die Wohnungsbaupolitik des Kapitalismus. Nach dem Abbruch der Gebäude entstehen ca. 300 Neubau-WE mit Bad u. IWC.“ Doch für mehr als die Errichtung einiger Neubauten in der Nikolaistraße reichte die geringe wirtschaftliche Potenz der Stadt nicht mehr aus. Wie vielerorts im Lande wurden auch hier heruntergewirtschaftete Betriebe und der katastrophale Zustand der Stadt mit seinem zerstörten Zentrum zum Sinnbild einer nicht funktionierenden Gesellschaft, deren Untergang sich da schon, unbemerkt zwar noch, abzeichnete.

Im Stadtzentrum künden seither große Abrissflächen von dieser unsinnigen Bau- und Wohnungspolitik jener Zeit. Sie hinterließ ein nur schwer zu bewältigendes Erbe, denn außer den Brachen sind auch bis zu 50% der verbliebenen Bürgerhäuser unbewohnt und so ruinös, dass sie ohne eine schnelle und wirksame Notsicherung für immer verloren scheinen. Dabei war nach der gesellschaftlichen Wende 1989 die Hoffnung außerordentlich groß, die gefährdeten Wohnquartiere mittelfristig wieder zu sanieren, die nahezu leergezogene Altstadt zu revitalisieren und den Wohnwert der Innenstadt wieder herzustellen. Diese Hoffnung hat sich jedoch bisher nur in Ansätzen erfüllt, weil von den neuen politisch Zuständigen von Anfang an falsche Prioritäten gesetzt wurden und dabei die Wiederherstellung der Wohngebäude vernachlässigt wurde. Im Fordergrund stand zu einseitig die Erneuerung innerörtlicher Verkehrsanlagen und Plätze, später kam die Reparatur historischer Treppen- und Maueranlagen hinzu. Außerdem konzentrierte sich die Stadt zu sehr auf teure Komplettsanierungen repräsentativer Bauwerke wie Rathaus, Geleits-, Schütz-, Novalis- und Fürstenhaus. Auch das Stadtschloss gehörte zu den Leuchttürmen, die durch Sanierungsmaßnahmen dem Verfall entrissen wurde. Doch noch immer harren bedeutende Bauten der Residenzzeit wie die Kavaliershäuser, das Hofmarschallhaus und die Hoffischerei auf ihre Rettung. Sie befinden sich in einem genauso elenden Zustand wie eine Vielzahl an Bürgerhäusern im gesamten Altstadtgebiet. Trotz der teilweise völlig überteuerten Sanierung von wichtigen Einzeldenkmalen bleibt daher das allgemeine Erscheinungsbild von Weißenfels eher schockierend.

Hinzu kommt, dass bis in die jüngste Gegenwart weitere Häuser abgebrochen wurden. Seit 1990 fielen in der Amtszeit von drei Stadtoberhäuptern im Sanierungsgebiet so über 65 historische Gebäude wieder der Abrissbirne zum Opfer, unter dem letzten Oberbürgermeister allein über 45. Sie wurden wieder mit dem schon bekannten Verdikt belegt, dass es doch „alte Buden“ seien, in denen niemand wohnen wollte. Außerdem wären sie ohne architektonischen Wert gewesen. Obwohl das natürlich nicht stimmt, so waren sie doch von hohem städtebaulichem und geschichtlichem Wert. Nicht wenige von ihnen waren einstmals in mühevoller vom niederen Hofpersonal der Herzöge errichtet worden, von den Sekretären, Schreibern, Stallburschen, Kutschern, Lakaien und Küchenmeistern. In ihnen wohnten die vom Hof privilegierte Handwerker und Lieferanten, Schuhmacher, Bäcker, Fleischer, Stallknechte und Perückenmacher. Durch ihr Verschwinden verlor die Stadt nicht nur einen Teil ihrer steinernen Monumente, sondern auch ein Stück ihrer sozialgeschichtlichen Vergangenheit. Gedankenlos wurde so in das nach dem letzten Weltkrieg noch intakte städtische Häuserensemble eingegriffen und damit historische Einmaligkeit zerstört.

Unter den politisch Zuständigen sind heute leider nicht wenige, deren kulturell-ästhetische Bildung, deren Wertmaßstäbe zur Beurteilung des historischen Erbes und deren Sicht auf die bauliche Substanz der Altstadt einst noch in der DDR feste Prägung erhalten hat. Insofern bestand wohl für sie auch nie die Notwendigkeit, die historischen Stadtstrukturen mit ihren alten Wohnquartieren und oft schlichten Bürgerhäusern zu erhalten. Dieses Grundverständnis äußerte sich leider auch bei einigen ihrer jungen und treu ergebenen Adepten, die sich als Nachwuchspolitiker zu profilieren suchen. Nur durch gehorsame Unterwerfung der in Verantwortung stehenden Mandatsträger unter eine Mehrheitsgesellschaft von Kulturbanausen ist es zu erklären, dass auch dem Abriss der historischen Häuserzeilen in der Kloster- und Marienstraße zugestimmt wurde, um im Herzen der Stadt billige, gesichtslose und städtebaulich völlig widersinnige Vorstadthäuser mit Garagen zu errichten. Sie haben trotz vieler Aufklärungsversuche nie begriffen, dass der Wert einer historischen Stadt nicht an renovierten Einzeldenkmalen festzumachen ist, sondern an der Geschlossenheit und am Erscheinungsbild seines Ensembles mit seinen Denkmalen und schlichen Bürgerhäusern, mit seinen Mauern, Treppen und Hinterhöfen, seinen Straßen und Plätzen. Die sich am sichtbarsten in der Stadtentwicklung widerspiegelnde untaugliche Kommunalpolitik hat ohne Zweifel auch großen Anteil daran, dass Weißenfels trotz großer kulturgeschichtlicher Vergangenheit und ausgezeichneter verkehrlicher Anbindung nun in eine provinzielle Bedeutungslosigkeit zurückgeworfen wurde, die ihr 2007 sogar den Kreisstadtstatus kostete. Unerklärlich bleibt in diesem Zusammenhang, mit welcher Gleichmut die Menschen dieser Stadt eine solche Entwicklung bisher ertragen haben.

Was geblieben ist, sind immer noch zahlreiche bemerkenswerte Denkmäler aus vergangener Zeit und ein reiches geistigkulturelles Erbe, dass, richtig erschlossen, sich mit anderen historischen Städten Mitteldeutschlands jederzeit messen kann. Dieses Kapital bietet hinreichende Möglichkeiten für die städtische Entwicklung, die Bildung der Bürger dieser Stadt und kultur-touristische Anziehungskraft. Weißenfels muss sich daher dieser Werte bei der Gestaltung seiner Zukunft bedienen und auf die Suche nach seiner kulturgeschichtlichen Identität machen. Die Nutzung der Architektur der Residenzzeit und die damit verbundene Geschichte kann dabei nur im Zentrum stehen, auch wenn es in Weißenfels nicht nur Barockbauten gibt, aber sie dominieren das Bild der historischen Altstadt. Bleibt zu hoffen, dass die künftigen politischen Entscheidungsträger mehr Herz und Verstand für ihre Stadt beweisen und dafür Sorge tragen, ihr Erbe zu bewahren. Unsere Nachfahren werden es uns zu danken wissen.

Dr. Otto Klein

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