| Vom Schwinden des Genius loci in der Klosterstraße Im 350. Jubeljahr der Gründung des Nebenfürstentums Sachsen-Weißenfels steht dem erneuerten Glanz des Fürstenhauses und der bevorstehenden Barockausstellung im Stadtschloss mit dem Abriss des Straßenzuges Klosterstraße 23 bis 37 und zweier Häuser in der Schuhgasse ein unverzeihbarer Eingriff in den historischen Stadtkern gegenüber. Obwohl die Klosterstraße durch Gebäudeabbrüche arg ramponiert ist, besitzt sie aufgrund ihrer Geschichte noch immer Charakter. Städtebaulich gehört sie zu den interessantesten Siedlungsquartieren der Altstadt, denn einige Gebäude stammen noch aus dem 18. Jahrhundert. Genannt seien die Seitenflügel des in der Burgstraße stehenden Gasthofes „Drei Schwäne“ und der Mohrenapotheke am Anfang der Klosterstraße sowie die Häuser Nr. 11 bis 19, 25, 29, 31, 37 und 24. Eine Bronzetafel am Seitenflügel des Gasthofes verweist darauf, dass sich hier vom 26. bis 28. August 1794 Friedrich Schiller (1759-1805) mit seinen Freunden Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und Christian Gottfried Körner (1756-1831), dem Vater des Dichters Theodor Körner (1791-1813), getroffen hat, um mit ihnen über die Herausgabe der Kunstzeitschrift „Horen“ (1795-1797) zu beraten. Das Haus Nr. 13 gehörte Adolph Müllner (1774-1829), Advokat, Literaturkritiker, Tragödiendichter und Betreiber eines Privattheaters, dessen Bühnenwerke in seiner Zeit an allen größeren Theatern in Deutschland und Österreich gespielt wurden. In den Jahren der Weißenfelser Herzöge lebten in der Klosterstraße überwiegend bürgerliche Hofangestellte, Hoflieferanten, einfache Handwerker, Händler und kleine Geschäftsleute. An der Ecke zur Schuhgasse stand bis 1997 das nach dem großen Stadtbrand von 1718 errichtete feingegliederte und äußerlich intakte Haus Nr. 21 der einstigen Schuhmacherinnung, welches unter fadenscheiniger Begründung der Abrissbirne zum Opfer fiel. Aus dem frühen 18. Jahrhundert sind uns folgende Gebäudeeigentümer bzw. Nutzungen in dieser Straße überliefert:
Ist die überwiegende Mehrzahl der Häuser der Klosterstraße von schlichter Größe und Gestaltung, so überragt das Gebäude Nr. 24 alle anderen Bauten beträchtlich. Es tritt, am Ende der Straße und in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten St. Klarenkloster gelegen, ganz als barockes Stadtpalais mit ummauertem Garten und Pavillon in Erscheinung. Seine Besitzer waren stets Personen von Rang und Namen. Das Palais wurde anstelle einer 1668 abgebrannten Klosterscheune errichtet und 1676 vom herzoglichen Jäger- und Oberforstmeister Hans Dietrich von Geißmar (1649-1702) bezogen, war ab 1693 im Besitz der zweiten Gemahlin Herzog Johann Adolphs I. (1649-1679), Christiane Wilhelmine, geb. von Bünau (1666-1707), dann ab 1699 des Hofmarschalls und Kammerrats Hans Wilhelm von Troyff und nach 1746 des kursächsischen Landeshauptmannes Adam Friedrich Senfft von Pilsach. Von dessen Witwe Wilhelmine Charlotte erwarb am 23. Februar 1786 der kursächsische Salinedirektor Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg (1738-1814) das Anwesen für 1525 Reichstaler. Sein ältester Sohn Friedrich, gen. Novalis (1772-1801), war gerade mal 14 Jahre alt als die Familie hierher zog. Zu dieser Zeit trennte nur eine enge Gasse die östlich gelegenen Gebäude des St. Klarenklosters (Klosterkirche, Ostflügel des inneren Klosters und sog. Bruderhaus) vom Hardenberg’schen Palais und den gegenüber liegenden Häusern der Klosterstraße. Dieses romantische Wohnquartier vor dem Kloster mit seinen schlichten Bürgerhäusern bildete damals den unmittelbaren Lebensraum der Familie des Salinedirektors. Für Novalis war der beschauliche Winkel stets ein Ort der Selbstfindung. Im Schoße seiner Familie fand er Geborgenheit, Erholung und Ruhe. So mancher Spaziergang durch die engen Gassen der Stadt und so mancher Ausritt mit Freunden in die Umgebung festigten seine Beziehung zu seiner neuen Heimat. Hier wurde aber auch gedichtet und gestritten, wurden politische, literarische und philosophische Meinungen ausgetauscht, wenn ihn seine Freunde Ludwig Tieck, Friedrich Schlegel und andere Persönlichkeiten seines illustren Bekanntenkreises zu Hause besuchten. In Weißenfels entstand so manche Textpassage seiner Werke, wie etwa für die Fragmente oder für den Roman Heinrich von Ofterdingen (*2). Ob er 1794 bereits Kontakt mit Friedrich Schiller und dessen Freunden in Weißenfels hatte, ist nicht überliefert. Novalis, im pietistischen Sinne erzogen, liebte die beschaulichen Landschaftsformen Thüringens und Sachsens und das Leben in den kleinen Städten dieser mitteldeutschen Regionen. Daher kam er auch immer wieder gern in den idyllischen Winkel seines Heimatstädtchens zurück. Hier in dem bürgerlichen Umfeld, im engen räumlichen Kontakt zu Handwerkern, Händlern und Gewerbetreibenden und ihren schlichten Häusern fühlte er sich zu Hause. Friedrich von Hardenberg legte keinen gesteigerten Wert auf seinen adligen Stammbaum und auf äußere Attribute, was nicht zuletzt seine enge Freundschaft zu den bürgerlichen Dichtern und Denkern bekundet. Nicht die Abstammung war für seinen freien denkenden Geist ein Kriterium der Beurteilung von Menschen, sondern Bildung und Kultur über alle Stände hinweg (*3). In den Frohsinn der Jubelfeierlichkeiten hinein ist nun nach dem Willen einer Wohnungsbaugenossen-schaft und mit tatkräftiger Unterstützung der Stadtverwaltung und des Stadtrates ein Rest überkomme-ner Bebauung aus jener Zeit vernichtet worden. Doch mit dem Verschwinden des Straßenzuges gegenüber dem Hardenberg’schen Palais, darunter die letzten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, wird die Authentizität des historischen „Novalisquartiers“ zerstört und der noch immer spürbare Geist des Ortes, der Genius loci, enorm beschädigt worden. Denn das Novalishaus gehört in diesen urbanen Kontext. Nach dem Abriss der Baulichkeiten soll die historische Raumkante zwar wieder hergestellt werden, jedoch in welcher Form und wann steht in den Sternen. Jetzt gähnt zumindest dort eine riesige Häuserlücke wo bis vor kurzem noch ein historischer Straßenzug existierte, die nun den Blick auf den Monumentalbau des DRK frei gibt und die in Kürze in der Marienstraße entstehende triste vorstädtische Reihenhauszeile. Dieses wuchtige Altenheim ohne Dachkonstruktion bedrängt so das barocke Novalishaus in geradezu schmerzlicher Weise. Das Ganze ist städtebaulich und kulturhistorisch so abstrus und unwürdig, dass harte Kritik aus der Bürgerschaft nicht ausbleiben konnte. Aber weder energische Proteste von Stadträten aus den Fraktionen Bürger für Weißenfels und Statt-Partei noch Protestschreiben von heimatverbundenen Bürgern in der Lokalpresse zeigten die geringste Wirkungen bei den Verantwortlichen. Daher gründete sich unter der Leitung des Altweißenfelsers Rüdiger Hoffmann bereits am 8. August 2005 ein Aktionsbündnis für die Erhaltung der Weißenfelser Altstadt, das zunächst mit Gesprächen den Oberbürgermeister und die Fraktionen des Stadtparlamentes (*4) vom Wert der bedrohten Gebäude und der Bedeutung ihrer Erhaltung überzeugen wollte. Weil jedoch in diesen Gespräche keinerlei Einsicht bei den Stadtpolitikern erreicht werden konnte, suchte das Aktionsbündnis überregionale Partnerschaft und fand diese in den Medien. Renommierte Zeitungen wie die F.A.Z., die Süddeutsche Zeitung, die Neue Züricher Zeitung, die TAZ, Die Zeit, die Bild-Zeitung, die überregionale Ausgabe der MZ, aber auch das Fernsehen ARD und MDR kritisierten das kommunale Unvermögen, einvernehmliche städtebauliche Lösungen in Weißenfels zustande zu bringen. Unter den Journalisten ragt vor allem das Engagement und die Sachkenntnis von Dr. Dankwart Guratzsch, selbst Korrespondent in Sachen Architektur und Städtebau und Fachjournalist in der Zeitung Die Welt, heraus. Er brachte seine große Betroffenheit über die städtebaulich in höchstem Maße fragwürdigen und kulturhistorisch widersinnigen Vorhaben in Weißenfels in medialen Berichten, in Gesprächen mit Verantwortlichen und in Beiträgen zu Fachtagungen zum Ausdruck und stellte dabei vor allem heraus:
In der Folgezeit wurden Dr. Guratzsch und besonders die Mitglieder der Stadtratsfraktion Bürger für Weißenfels und des Aktionsbündnisses vom hiesigen Stadtoberhaupt und mehreren Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates immer wieder beschimpft und unwahrer Behauptungen bezichtigt. Uns wurde unterstellt, die Stadt ständig schlechtzureden und für ihr negatives Image verantwortlich zu sein. Obwohl doch gerade wir für den Erhalt der Altstadt und die Bewahrung ihrer bemerkenswerten Geschichte eintreten. Der Vorsitzende des örtlichen Novalisvereins machte das Aktionsbündnis sogar für den drastischen Rückgang der Besucherzahlen in der Gedenkstätte verantwortlich. CDU-Abgeordnete drohten im Stadtrat sogar mit gerichtlichen Konsequenzen, wenn wir unsere öffentliche Kritik nicht unterließen. Ein CDU-Stadtrat fragte allen Ernstes schriftlich im städtischen Rechtsamt an, „ob und auf welche Weise Fraktionen oder einzelne Stadträte zur Verantwortung gezogen werden können, wenn sie die Stadt, den Stadtrat oder die Verwaltung schlechtmachen“. Als Antwort gab es Nachhilfe in Sachen demokratische Streitkultur. Ein „Schlechtmachen im Sinne von Kritik“ gibt es nicht, denn die freie Meinungsäußerung einer Minderheit gegen eine Mehrheit ist im demokratischen Rechtsstaat verfassungsgemäß geschützt und Teil der Auseinandersetzung, um Probleme im Sinne des Gemeinwohls zu lösen. Um die historische Authentizität des „Novalisquartiers“ in Frage zu stellen, behauptete dann der Oberbürgermeister wiederholt, dass unter den vom Abriss bedrohten Gebäuden lediglich noch ein einziges aus der Zeit des Frühromantikers stammte. Er meinte sicher das Haus Klosterstraße 31, dessen wertvolle barocke Stuckdecke im Auftrag der Stadt heimlich herausgetrennt und nach Dresden verbracht wurde, wo es wieder in ein historisches Gebäude eingesetzt werden soll. Allerdings verwiesen bestimmte architektonische Bauformen und innere Ausstattungsstücke darauf, dass auch die Häuser Nr. 25 und 27 schon zu Novalis’ Zeiten existierten. Denn das Haus Nr. 25 besaß neben seinem einfachen barocken Äußeren im Obergeschoss noch gekröpfte bzw. sog. „geohrte“ Fenstergewände, wie man sie an vielen Barockgebäuden der Stadt, so etwa am Rathaus, an der Mohrenapotheke und an den Kavaliershäusern, entdecken kann, aber auch an barocken Bauwerken in Dresden, Bamberg u.a.O. Und das Haus Nr. 27 ließ sich neben der äußeren Erscheinung auch wegen eines barocken Türblattes mit Originalbeschlägen im Zugang zur Bodenkammer in das frühe 18. Jahrhundert datieren. Das Doppelhaus Nr. 37 schließlich zeichnete sich durch sein klassizistisches Erscheinungsbild des späten 18. Jahrhunderts aus. Somit existierten neben dem St. Klarenkloster mit großer Wahrscheinlichkeit noch vier weitere Gebäude in der oberen Klosterstraße, die das historische „Novalisquartier“ einst mit ausmachten. Auch wenn es im Einzelfalle keine Häuser von herausragender kunsthistorischer Bedeutung waren, so konnte der Straßenzug doch noch immer etwas von der Zeit vermitteln, in der Novalis hier gelebt und gearbeitet hat und dem daher als „schützenswertem Gedenkort von nationalem Rang“ (*5) ein unschätzbarer Wert zukam. Doch auch dieses Faktum ist nun leider Geschichte. Natürlich übten und üben wir harsche Kritik, aber nicht an unserer Stadt mit ihren großen Werten der Vergangenheit, sondern an der schlechten und konzeptionslosen Kommunalpolitik, die diese Werte trotz ständiger Hinweise darauf nicht zur Kenntnis nahm. Aus diesem Grunde hatte Herr Hoffmann auch um Beistand bei Politikern des Landes und des Bundes, Kulturschaffenden und Literaten ersucht und bei ihnen um Unterstützung im Kampf gegen das unsinnige Bauvorhaben im historischen Stadtkern gebeten. Die meisten Politiker verwiesen jedoch darauf, dass sie sich dafür nicht zuständig fühlten, da die Stadt in kommunaler Eigenverantwortung handelte. Engagiert reagierten dagegen Schriftsteller und Persönlichkeiten der Kultur auf das Baugeschehen in Weißenfels. So schrieb Prof. Dr. Herbert Uerlings, Vorsitzender der Internationalen Novalisgesellschaft, am 7. Mai 2006 an den Oberbürgermeister von Weißenfels: „Ohne die Erhaltung dieses ganz besonderen Ambientes ist künftig nicht mehr nachzuvollziehen, in welchem unmittelbaren Umfeld einer der Großen der Stadt gedacht, gearbeitet und gelebt hat. Aber nicht nur Novalis-Freunde in aller Welt, sondern auch touristisch Interessierte würden eine weitere Zerstörung des historischen Zentrums, denn das bedeutet der Abriss historischer Gebäude statt ihrer Sanierung zweifelsohne, sehr bedauern. Weißenfels verliert dadurch auch für sie an Attraktivität. Ich möchte Sie im Namen der Internationalen Novalis-Gesellschaft daher dringend bitten, ... auf die Baumaßnahmen dergestalt Einfluss zu nehmen, dass der Abriss verhindert und der damit verbundene Schaden für die Novalis-Gedenkstätten und das historische Zentrum der Stadt vermieden wird.“ Die lapidare Antwort des Stadtoberhauptes darauf war: Prof. Uerlings könnte ja nach Weißenfels kommen und ein entsprechendes Gebäude sanieren. Nobelpreisträger Günter Grass sicherte am 5. Juli 2006 dem Vereinsvorsitzenden Herrn Hoffmann moralischen Beistand zu, indem er schrieb: „Novalis war der wichtigste Vertreter der deutschen Frühromantik und es wäre eine Schande, bis heute erhaltene Gebäude, die sein Lebensumfeld noch jetzt spürbar machen, nicht zu erhalten. Bei Ihrer Arbeit zugunsten der Erhaltung des Novalisquartiers dürfen Sie mich gern als Unterstützer nennen.“ Hermann Kant, einst Präsident des Schriftstellerverbandes in der DDR, schrieb am 16. Juli 2006 in poetischen Worten an den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Herrn Prof. Wolfgang Böhmer: „Vermutlich stimmen Sie mir zu, wenn ich, ... diesen Träumestifter neben Leuchtefiguren wie die Brüder Grimm stelle. Oder neben den späteren Tonangeber Storm. Oder neben Tönefinder wie Bruch und Mahler. Oder neben Kunstnachbarn wie Feininger und Klee oder auch Gropius. Neben Leute eben, ohne die wir schrecklich ärmer wären. Novalis hat uns ein Stück Welt gestiftet; wir sind ihm ein Stück Erinnerung schuldig. Bitte, sehr geehrter Herr Böhmer, sagen Sie Ihren Rechenmeistern und Rechtsgelehrten, ... die blaue Blume der Romantik stehe auch in klammen Zeiten unter Artenschutz. Unter Ihrer persönlichen Fürsorge sowieso.“ Genannt werden darf auch Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der am 7. Aug. 2006 ebenfalls einen Brief an Ministerpräsidenten Böhmer sendete und, bezogen auf das Bauvorhaben gegenüber dem Novalishaus, darin hervorhob: „Das Direktorium der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und die Abteilung bildende Kunst haben die einschlägigen Planungen mit Entsetzen zur Kenntnis genommen und mich als Präsidenten der Akademie ersucht, Sie zu beschwören, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, um diesen Akt des Vandalismus zu verhindern. Garagen und Carports, Reihenhäuser und Handtuch-Gärten sollen ein barockes Ensemble mit einem ansehnlichen Marktplatz verdrängen! Es ist nicht zu fassen. Bitte retten Sie, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, das Ansehen Ihres Landes als eines Kulturstaates und verhindern Sie eine Kulturschande, die übelste Erinnerungen weckt.“ Auch Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste in Berlin, reagierte am 6. September 2006 mit einem Schreiben an Ministerpräsident Böhmer und den mahnenden Worten darin: „Mit dem Abriss der seinem Wohnhaus gegenüber liegenden barocken Bebauung würde der jetzt noch nachvollziehbare Zusammenhang des Lebensumfeldes aus der Zeit um 1800 zerstört. Neue Reihenhäuser, Garagen und Carports lassen keine Erinnerung an die Geschichte der Straße mehr zu. Wenn der Kontext fehlt, wird das Novalis-Haus isoliert und zu einem Fremdkörper in der eigenen Umgebung. Und der Dichter selbst wird gleichsam im Nachhinein expatriiert.“ Doch was gilt schon die Meinung von Fachleuten und Literaturkollegen des sich nicht mehr wehren könnenden Frühromantikers bei den sich allmächtig dünkenten Politikern der heutigen Zeit? Ministerpräsident Böhmer, der von Herrn Hoffmann wiederholt über das Bauvorhaben in Weißenfels informiert worden war, reagierte ganz anders als von uns erwartet. Anstatt die Meinung der Kulturexperten zu respektieren und kommunales Engagement von Bürgern als demokratische Form des Mitregierens zu unterstützen, übernahm er die Argumente der Stadtverwaltung. Er stellte sich bedingungslos hinter das Bauvorhaben und bezichtigte in einer Rede zur Eröffnung des Weißenfelser Schlossfestes im September 2006 die Mitglieder des Aktionsbündnisses und alle sie unterstützenden Persönlichkeiten öffentlich sogar als „Querulanten“. Ganz andere Worte fand Prof. Böhmer Monate später bei der Wiedereröffnung des Cranach-Hofes in Wittenberg. Dort lobte er das Engagement „einer Gruppe von Widerständlern“, die sich in seiner Heimatstadt einst ebenfalls gegen städtische Abrisspläne zur Wehr gesetzt hatte und mit der kompletten Erneuerung des Gebäude-Ensemble einen „wichtigen Mosaikstein für die Identität der Stadt“ geschaffen hätten (*6). In Weißenfels wurden und werden aber noch immer genau diese identitätsstiftenden Mosaiksteine vernichtet und die Bürger dadurch ihrer kulturellen und geschichtlichen Vergangenheit weiter entfremdet. Der verantwortungslose Umgang mit dem überkommenen architektonischen Milieu wird so politisch nicht „von oben“ verhindert, sondern noch mit Beifall bedacht. Dessen ungeachtet wirft der blinde Eifer der hiesigen „Stadterneuerer“ ein bezeichnendes Licht auf ihr tatsächliches Verhältnis zu den kulturgeschichtlichen und architektonischen Werten der Stadt. Da ist man schon geneigt, jene treffenden Worte eines Gymnasialrektors zu wiederholen, der im Jahre 1902 zum 100. Geburtstag von Novalis am Grabe des Dichters sagte: „Eine Stadt ohne Bewusstsein und Sinn für ihre Vergangenheit, ohne einen geschichtlichen Hintergrund des Lebens, ohne irgendwie in Monumenten und Einrichtungen an die Vergangenheit zu erinnern, ist mir wie ein [kulturloser] Emporkömmling oder Proletarier.“ (*1) Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt. Wernigerode. Rep. D Weißenfels, Nr. 1063-65. Ratshandelsbücher. Dr. Otto Klein |
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