| 350 Jahre Herzogtum Sachsen-Weißenfels Versuch einer ersten Bilanz 2007 ist ein wichtiges Jubiläumsjahr für unsere Stadt. Wir feiern die 350. Gründung der Sekundogenitur Sachsen-Weißenfels, die Gründung eines kleinen sächsischen Nebenfürstentums, das von 1657 bis 1746 bestand und dessen Machtzentrum Weißenfels war. Das Jubiläum, welches denn sonst noch, könnte fürwahr ein würdiges Ereignis für unsere Stadt werden und unserem Handel, unserer Gastronomie und Hotellerie, unserem Tourismus, also unserer Wirtschaft und Stadtentwicklung einen prächtigen Schub geben. Ob der auch tatsächlich zu erwarten ist, muss abgewartet werden. Denn viel zu spät und zu unprofessionell sind die Vorbereitungen gelaufen. Inzwischen gedruckten Flyer und Veranstaltungskalender haben große inhaltliche und Terminmängel und mussten überarbeitet werden. Andere Werbeträger sucht man bisher vergebens im Stadtbild und darüber hinaus. Selbst ideologische Vorbehalte einiger Stadträte, die sich gegen die Sanierung der Ausstellungsräume im Schloss aussprachen, sind ein Zeichen dafür, dass ein solches Jubiläum nicht bei allen Verantwortlichen auf echte Gegenliebe stößt. Die im ehemaligen Residenzschloss Neu-Augustusburg angedachte große Ausstellung wird nicht am 1. Mai 2007, dem eigentlichen Gründungsdatum des Nebenfürstentums Sachsen-Weißenfels, sondern vermutlich erst am Ende des Jahres eröffnet werden können. Voraussetzung dafür ist nämlich die Sanierung einiger Ausstellungsräume im Westflügel des Schlosses, die sehr spät erst begonnen werden konnte. Fest steht jedoch bereits, der Audienzsaal kann wegen fehlenden Geldes gar nicht hergerichtet werden. Der wichtigste und größte Raum der Residenz fällt also schon mal weg und damit die Zugänglichkeit des geistigen Zentrums im Schloss und des direkten Machtzentrums des gesamten früheren Fürstentums. Die anderen vier Räume sollen aber 2007 noch fertig gestellt werden können. Allerdings wird sich danach der erhoffte opulente Eindruck, sowohl die Räumlichkeiten als auch die Exposition betreffend, wohl schwerlich einstellen. Nur noch rudimentäre barocke Überbleibsel zieren die Räumlichkeiten. Ergänzungen des Deckenstuckes oder Ausmalungen gibt es nicht. Es fehlt am erforderlichen Geld. Auch die Ausstellung selbst wird sich eher durch Nüchternheit, Mangel an repräsentativen Exponaten und kümmerliche visuelle Ersatzleistungen dem Besucher präsentieren. Das vorgelegte Konzept jedenfalls macht den Eindruck großer Dürftigkeit. Die Ausstellungsgestalter sind dafür nicht verantwortlich zu machen und zu bedauern, denn sie können leider nur mit museumseigenen Exponaten der Stadt planen. Die Dresdener Museen, wo sich viele wertvolle Kunstgegenstände, Bilder und sonstige mobile Besitztümer der Weißenfelser Herzöge befinden, und andere (z.B. preußische) Museen werden keine Exponate zur Verfügung stellen. Hier hätte rechtzeitig der höchste Repräsentant der Stadt mit personeller Unterstützung unserer Landes- und Bundespolitiker ihre zumindest temporären Ansprüche durch einen Besuch vor Ort in den betreffenden Museen anmelden müssen, um das Optimale an Ausstellungsstücken zu requirieren. Die Vorbereitung eines solch bedeutsamen Jubiläums der Stadtgeschichte muss Chefsache sein! Im Mangel an Wertschätzung und an persönlichem Engagement der Verwaltungsspitze für die Kultur und Geschichte unserer Stadt liegen leider viele ihrer Entwicklungsdefizite und ihre geringe Ausstrahlung begründet. Als Aushängeschild des Stadtjubiläums für den Glanz des Barock wird neben der Fürstengruft im Schloss daher vermutlich nur das bis Ende des Jahres hoffentlich voll zugängliche Fürstenhaus dienen können. Dieses außerordentlich wertvolle Stadtpalais von 1676 verkörpert neben den beiden privaten Nachbarhäusern Leipziger Str. 11 und 13 allerbeste herrschaftliche Bauästhetik der Herzogszeit. Seine Rettung kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Das rege Besucherinteresse am erneuerten Haus belegt, dass auch der Stolz der Bürger auf das historische Stadtzentrum wieder aufkeimen könnte, wenn man hier endlich Hand anlegen und es in einen ansehnlichen Zustand versetzen würde. Einige wenige erneuerte Einzeldenkmale genügen nicht, um das Stadtbild einer alten Barockresidenz sinnfällig zu machen. Selbst wenn man das neu bedachte Schloss, das sanierte Rathaus, das Novalishaus, den barocken Turm der Marienkirche und einige Gebäude in der Großen Burgstraße noch hinzuzieht, ist das als Aufbauleistung 17 Jahre nach der Wiedervereinigung einfach zu wenig. Denn dem gegenüber stehen, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen, verfallende Bauwerke der fürstlichen Hofhaltung wie Hoffischerei und Marstall oder der total verwahrloste Schlossgarten mit Orangerie und das ebenfalls höchst gefährdete Hofmarschallhaus. Selbst die Rettung der spätbarocken Kavaliers- und Diakonatshäuser an der Stadtkirche und des ältesten Gebäudes der Stadt, das St. Klarenkloster, ist ja keineswegs gesichert. Das Jubiläumsjahr 2007 macht sehr deutlich, dass Weißenfels riesige städtebauliche Defizite hat und dem weiteren architektonischen Verfall hilflos gegenüber steht. Aber trotz dieser Versäumnisse, die dem Fehlen eines schlüssigen Gesamtkonzepts, falschen Prioritäten in der Investitionspolitik und zu geringem Engagement für die Instandsetzung der Altstadt geschuldet sind, rühmen sich die Stadtoberen ihrer großen Verdienste, sprechen sogar wie zu DDR-Zeiten von einem „beispiellosen Erfolgserlebnis“ in der kommunalen Sanierungsarbeit. Worin sollte dieses eigentlich bestehen, rätselt man angesichts leerstehender und verfallender Straßenzüge im Stadtzentrum und der unwiederbringlichen Verluste durch die vielen Gebäudeabbrüche seit der Wende? Ein Journalist aus Frankfurt a.M. vermittelt seinen Eindruck über die Brache in der Marienstraße nach einem Besuch der Stadt so: „Hinter einer Gasse, an der drei Häuser es mit dem feinsten Dresdener Bürgerbarock aufnehmen können, stürzt man in eine klaffende Brache eines abgeräumten Quartiers. Nackte Brandwände säumen das Areal, Tordurchfahrten enden im Nichts. Die Fehlstelle ist nicht die einzige in der Stadt“. (Die Welt, 24.03.2003) Das Fürstenhaus allein kann also nicht den erschreckend schlechten Bauzustand ganzer Häuserzeilen in der Saal-, Kloster- Schützenstraße, der Hohen Straße, Promenade etc. rechtfertigen. Die Erhaltung von Einzeldenkmalen ist zwar wichtig, aber sie repräsentieren allein eben nicht ein historisches Stadtensemble. Weißenfels hat so viel an Gebäuden, Bauformen und architektonischen Details verloren, dass sich ein geschlossenes und vor allem wohnenswertes und heimeliges Stadtbild kaum noch einstellen will und die aus der Herzogszeit herrührende Einmaligkeit nur noch in wenigen Straßenzügen ablesbar ist. Trotzdem wird städtebaulich weiter dramatisch perforiert, verstümmelt und verschandelt, so dass „die Identität der Barockresidenz auf dem Spiel steht“ (MZ, 06.04.2004). Dabei fehlte es über Jahre nicht an mahnenden und aufklärend gemeinten Stimmen. Genannt seien nur die Stimmen von solchen Fachleuten wie Dr. Peter Seyfried, Dr. Hans Köhler und Herr Rudolph Kayser, die wiederholt auf die Bedeutung des Flächendenkmals Altstadt verwiesen haben, jedoch nicht gehört wurden. Auch der Autor dieses Beitrages hat sich seit über 20 Jahren für Erhalt und Sanierung der historischen Bausubstanz eingesetzt. Bereits am 11. November 1989 haben mir Hunderte Menschen in der Marienkirche lang anhaltenden Beifall gezollt, als ich die damals für Abriss und Verfall historischer Straßenzüge verantwortlichen SED-Funktionäre öffentlich anprangerte und eine schnelle Revitalisierung und Sanierung der Altstadt einforderte. In vielen Gesprächen haben sie mir damals moralisch „auf die Schulter geklopft“ und bekundet, dass das alte Weißenfels wieder sein früheres Gesicht erhalten müsse. Wo sind aber heute all diese Menschen geblieben? Schweigend ertragen sie den weiteren Verfall von Alt-Weißenfels. Auch in meiner Funktion als Stadtrat und in zahlreichen Presseartikeln habe ich immer wieder auf das große Kapital unserer kulturellen Vergangenheit und besonders auf den architektonischen und städtebaulichen Wert das barocke Erbes für die Gestaltung der Zukunft unserer Stadt verwiesen. Natürlich stammen nicht alle Gebäude der Innenstadt aus dieser Epoche, aber die Residenzzeit im 17. und 18. Jahrhundert hat unsere Altstadt am nachhaltigsten geprägt. Und trotz der Flächenabrisse in den 80er Jahren stammten nach der Wende noch mehr als 130 Bauwerke aus dieser oder älterer Zeit. Für den modernen Kulturtourismus ein unglaublicher Schatz. Darauf verwies ich u.a. auch im Zusammenhang mit der Hervorhebung der Bedeutung einer tourismusfreundlichen Innenstadt in einem MZ-Zeitungsartikel vom 7. Juni 1991 als ich schrieb: „Wie keine andere Stadt im Land Sachsen-Anhalt ist unsre Kommune vom Barock geprägt eine architektonische Besonderheit, die viel stärker in der Tourismuswerbung ihren Platz finden muß.“ Doch stieß das nicht auf offene Ohren bei den örtlichen Entscheidungsträgern. Seither wurden etwa 50 historische Häuser in der Innenstadt abgerissen. Meine Forderung im Stadtrat, wenigstens die barocken Häuser unter Schutz zu stellen, fand ebenfalls kein Gehör. Vor allem in der Amtsperiode des letzten Oberbürgermeisters gab es mit oft fadenscheinigen Begründungen schwere Eingriffe in die Substanz der Altstadt. So begründete der Leiter des Stadtentwicklungsamtes den Abriss der schlichten spätbarocken Bürgerhäuser Saalstraße 38/40 im Sommer 2003 damit, dass sie für die Stadtgeschichte weiniger bedeutsam wären. Ihr Abbruch hat aber die bis dahin noch städtebaulich intakte Straße perforiert. Der Abbruch brachte jedoch auch einen zwischen den Gebäuden bis dahin verborgenen Stadtmauerzug von etwa 35 m aus dem 16. Jahrhundert zum Vorschein, der stadtgeschichtlich einen besonderen Schatz darstellt. Die Maßnahme selbst wurde scheinbar nicht mit der erforderlichen Umsicht der Unteren Denkmalbehörde begleitet, so dass der Erhalt des letzten Rests einer Stadtmauer in diesem Quartier bedroht war. Erst mein Hinweis auf den Wert des historischen Bauwerks und meine Forderung im Stadtentwicklungsausschuss, diese Mauer unbedingt zu schützen, sicherte vorerst ihren Bestand. Der Abbruch des Fachwerkhauses Nikolaistr. 28 mit einer außerordentlich kostbaren Bohlenstube aus der Zeit um 1650 im Frühjahr 2004 war ein besonders barbarischer Akt an Missachtung historischer Werte. Zwar konnte die Bohlenstube nach langen öffentlichen Diskussionen gerettet und schließlich ausgelagert werden, um sie Dank eines Konzeptes des Weißenfelser Schütz-Vereins im Heinrich-Schütz-Haus wieder einzufügen und künftig als Komponierstübchen zu nutzen. Doch um den ausgeweiteten Radius der neuen Georgenbergtrasse damit zu rechtfertigen, war das Opfer mehrerer alter Häuser von kleinteiliger Gestalt einfach zu groß. Das Abtragen des vermutlichen Geburtshauses des kursächsischen Premierministers Heinrich von Brühl (1700-1763) in der Schützenstraße und des Hauses Nikolaistraße 43 bis auf einen Rest an Parterremauern im Jahre 2004 stellen weiter Armutszeugnisse des unbedarften Umgangs mit historischer Bausubstanz dar, die sich ungeschützt und sogar öffentlich gefördert als Stadtumbau verkaufen darf. Dr. Otto Klein |
|